Kommen und Gehen

- Who the fuck is Marcellus?, sagte ich, und er darauf – Das wäre ein guter Titel für deine erste Novellensammlung. Später dann, nach viel Bier und im Gefühl nichts verlieren zu können – The time does not care about us, so why should we care about the time?

Als die Vorhänge fielen und wir nichts anderes hatten als unsere Nacktheit, als wir die Masken zogen und es nichts mehr gab, das Sicherheit versprach, lag es da zwischen uns, ein Häufchen flüchtigen Gleich-Gewichts. Wir wussten wie es enden wird, noch bevor wir uns jeder für sich aufmachten, unsere Schuhe anzogen und unsere Türen verschlossen. Wir konnten auf alles setzen, mussten nichts verbergen, weil all das morgen nichts sein wird.

Da kam er, der nüchterne Tag, der einen neuen Schleier über dich und über mich legte, wenig gnadenlos und gar nicht abstoßend. Ich erinnere mich an dein Gesicht, wie du da lagst und zu mir hoch schautest. Deine Augen zugleich überall und unabwendbar im hier und jetzt. Ich träumte von dir, während du neben mir lagst und du warst noch da, als ich aufwachte. - Maybe you should eat an apple? - und drückte dir einen in die Hand. Die verlegene Süße der gerade verlorenen Vertrautheit. Die Tür schloss sich, ich auf der einen Seite, du Stufe um Stufe den Flur hinab.

Im Bett an der Wand sitzend, warte ich auf den Schlaf und ich weiß er will mich, greift nach mir. Doch mein Kopf, dieser unzulänglich steuerbare Apparat, lässt mich ihm nicht hingeben. Nie mehr schlafen oder für immer. Wie sehr genoss ich jene Dumpfheit der letzten Tage, den getränkten Geist und die routinierten Zuckungen meines Körpers. Ich las die Worte der Unruhe, die ich nicht verstand, die trotzdem einen Sinn ergaben, für den Moment. Denn ich war eins mit diesen Seiten, weil sie selbst so undurchsichtig waren wie meine eigenen, irrenden Gedanken.

Nicht eine Träne habe ich vergossen. Und frage mich, ob das so gut war. Niemand weiß, warum wir weinen. Eines der letzten Mysterien in dieser allzu wissenden Welt. Gefühle, die nicht mehr genug Raum haben und Anspruch darauf erheben aus der Enge der Innerlichkeit ans Tageslicht zu treten.

So verschlossen warst du, dass ich nicht wusste, was falsch noch richtig war, nie wissen werde, was das ist. Und doch hieltest du mir einen Spiegel vor's Gesicht. Erschrocken wich ich zurück und erhaben nahmst du die nächste Stufe. Ein Kampf begann, ein Krieg zwischen mir und... mir. Illusion und Trugbild. Verzerrt und verkrüppelt fand ich mich wieder, um mit Beinen zu Greifen und auf Armen zum Stehen. Dekonstruiert und ohne Anleitung rekonstruiert. Und wenn ich jetzt sage, dass etwas fehlt, dann bist es nicht du sondern jener Spiegel. Das Auffädeln von Gedanken auf einer Kette von Ideen, ein immer währendes Selbstgespräch. Ich weiß, es geht dir so wie mir.

Ein Spiegel ohne sein Bild gleicht einer Treppe ohne Stufen, wird zu nichts als einer ungedachten Idee. Die vermeintliche Erinnerung ist die Antwort auf – Was bleibt zurück? - Sie lässt mich schmunzeln, meistens. Lässt mich grübeln, viel zu oft und lässt mich schwanken. Das Gerüst aus Erinnerung, das heute anders als morgen sein wird, das über Nacht von Dieben und Verführern heimgesucht worden ist, ist marode und im Erwachen am Morgen liegt nie das Gemüt des Entschlafens vom Abend zuvor. Ich vertraue auf die Zeit, dem Einzigen, dessen ich mir sicher sein kann, mein einziger Begleiter. Noch führt jeder Weg zurück zu dir.

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