Reiseberichte

Samstag, 16. Oktober 2010

Zweiundsiebzig Stunden Prag

Gib mir Zerstreuung und ich geb' dir meine Seele. Nach den drei ersten Sake-Bombs kann jeder aus sich heraus kommen und der nächste Tag beginnt in einem leichten Delirium, welches jede Startschwierigkeit zunichte macht. Sechs Stunden Fahrt liegen vor uns und jegliche Umsteigebahnhöfe markieren die Etappen der zunehmenden Entfernung vom Tagtäglichen. Mit dem Bus durch Land und Dorf, vorbei an beschädigten Häuserfassaden, die vom letzten Hochwasser zeugen, vorbei am Fluss, an dessen Ufer ein Haus mit Dach jedoch ohne Vorderfront die Ausmaße dieser stürmischen Tage in sich bündelt. Die erste Nacht verfliegt gediegen, ein paar Bier, ein paar Bars, ein paar betrunkene Deutsche bei dessen Anblick sich Fremdschämen wieder lohnt. Das Bett ist fremd und doch wohltuend, die Decke, die nicht die Unsrige war, das Kissen auf dem noch der Abdruck des Anderen ruht. Manchmal muss man weg.

Seine Zeche nicht zu bezahlen sollte, entgegen der ja sonst dieser Handlung eigenen Spontaneität, gut durchdacht sein, zumindest wenn es um die Schnelligkeit des Verlassens der Lokalität und um die Richtung, welche danach eingeschlagen werden soll, geht.
Wir verlaufen uns in den dichten, verzweigten Straßen Prags, einmal am Strip-Club vorbei, - Want some Weed? - Und wieder zurück. Wo zum Teufel sind wir? Ja, wer zum Teufel sind wir? Betrunkene Touristen, das war klar. Du trottest voran, ich schlendere hernach. Ich weiß, deine Blase drückt so unheimlich, aber ich kann nicht aufhören in die Höhe zu schauen, diese Häuserfronten in mich einzusaugen. Mir ist nach stehen bleiben und verweilen. Sie kommen zu mir herunter, so scheint es, stürzen auf mich ein und ich strecke die Arme weit aus um sie zu empfangen. Wart' auf mich du, ich komme ja schon.

Waren wir hier nicht schon mal? Heute und auch gestern?
Nur nicht schlafen gehen, nicht jetzt. Warst du jemals so lebendig? Schon jetzt weiß ich, ich werds vermissen, dich und die Stadt, diese Zeit, die mich so gut ablenkt von zu Hause.
Ich folge dir die Treppe hinab, in den dunklen Raum voller Leute und Musik. Die Skeptik verschwand und Emilio kam. Emilio, Emilio.
Von da an wird alles sehr verschwommen, in Körperbewegung veräußerte Musik, Augen die sich nähern und gleich darauf wieder entfernen. Wir brauchen nicht reden, selbst wenn wir wollten, ließen es unsere Sprachkenntnisse nicht zu.

Lass uns noch nicht gehen, ich will noch ein bisschen knutschen.
Und warum verdammt kannst du kein Tschechisch? Thundercat war doch so nah. Nur tanzen, nur tanzen?
Laut torkeln wir nach hause. Mein Arm um seinen Rücken und ein Clown neben uns.

Prag, du hast uns mitgenommen. Inspiriert. Enfernt. Und zusammengebracht.
Bist stolz auf deine Pracht und gibst gerne davon ab.
Bis bald, Freund. Bis bald.

Kommen und Gehen

- Who the fuck is Marcellus?, sagte ich, und er darauf – Das wäre ein guter Titel für deine erste Novellensammlung. Später dann, nach viel Bier und im Gefühl nichts verlieren zu können – The time does not care about us, so why should we care about the time?

Als die Vorhänge fielen und wir nichts anderes hatten als unsere Nacktheit, als wir die Masken zogen und es nichts mehr gab, das Sicherheit versprach, lag es da zwischen uns, ein Häufchen flüchtigen Gleich-Gewichts. Wir wussten wie es enden wird, noch bevor wir uns jeder für sich aufmachten, unsere Schuhe anzogen und unsere Türen verschlossen. Wir konnten auf alles setzen, mussten nichts verbergen, weil all das morgen nichts sein wird.

Da kam er, der nüchterne Tag, der einen neuen Schleier über dich und über mich legte, wenig gnadenlos und gar nicht abstoßend. Ich erinnere mich an dein Gesicht, wie du da lagst und zu mir hoch schautest. Deine Augen zugleich überall und unabwendbar im hier und jetzt. Ich träumte von dir, während du neben mir lagst und du warst noch da, als ich aufwachte. - Maybe you should eat an apple? - und drückte dir einen in die Hand. Die verlegene Süße der gerade verlorenen Vertrautheit. Die Tür schloss sich, ich auf der einen Seite, du Stufe um Stufe den Flur hinab.

Im Bett an der Wand sitzend, warte ich auf den Schlaf und ich weiß er will mich, greift nach mir. Doch mein Kopf, dieser unzulänglich steuerbare Apparat, lässt mich ihm nicht hingeben. Nie mehr schlafen oder für immer. Wie sehr genoss ich jene Dumpfheit der letzten Tage, den getränkten Geist und die routinierten Zuckungen meines Körpers. Ich las die Worte der Unruhe, die ich nicht verstand, die trotzdem einen Sinn ergaben, für den Moment. Denn ich war eins mit diesen Seiten, weil sie selbst so undurchsichtig waren wie meine eigenen, irrenden Gedanken.

Nicht eine Träne habe ich vergossen. Und frage mich, ob das so gut war. Niemand weiß, warum wir weinen. Eines der letzten Mysterien in dieser allzu wissenden Welt. Gefühle, die nicht mehr genug Raum haben und Anspruch darauf erheben aus der Enge der Innerlichkeit ans Tageslicht zu treten.

So verschlossen warst du, dass ich nicht wusste, was falsch noch richtig war, nie wissen werde, was das ist. Und doch hieltest du mir einen Spiegel vor's Gesicht. Erschrocken wich ich zurück und erhaben nahmst du die nächste Stufe. Ein Kampf begann, ein Krieg zwischen mir und... mir. Illusion und Trugbild. Verzerrt und verkrüppelt fand ich mich wieder, um mit Beinen zu Greifen und auf Armen zum Stehen. Dekonstruiert und ohne Anleitung rekonstruiert. Und wenn ich jetzt sage, dass etwas fehlt, dann bist es nicht du sondern jener Spiegel. Das Auffädeln von Gedanken auf einer Kette von Ideen, ein immer währendes Selbstgespräch. Ich weiß, es geht dir so wie mir.

Ein Spiegel ohne sein Bild gleicht einer Treppe ohne Stufen, wird zu nichts als einer ungedachten Idee. Die vermeintliche Erinnerung ist die Antwort auf – Was bleibt zurück? - Sie lässt mich schmunzeln, meistens. Lässt mich grübeln, viel zu oft und lässt mich schwanken. Das Gerüst aus Erinnerung, das heute anders als morgen sein wird, das über Nacht von Dieben und Verführern heimgesucht worden ist, ist marode und im Erwachen am Morgen liegt nie das Gemüt des Entschlafens vom Abend zuvor. Ich vertraue auf die Zeit, dem Einzigen, dessen ich mir sicher sein kann, mein einziger Begleiter. Noch führt jeder Weg zurück zu dir.

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