Aus dem Leben eines Saugesichts

Gestern betrat ich ein Einkaufszentrum. Riesig, unüberschaubar, Massen die mit gierigen Augen hineinströmen, lösen die heraus drängelnden und gesättigten, mit vollen Tüten Massen ab. Scheint gar wie ein Schlachthaus - aufgescheucht, quietschend kommen die Schweine von tückischen Seilen verschleppt hinein und gemästet, schlapp, dem Leben entrissen, verlassen sie es wieder.
Dieses Bild des Schweins drängt sich mir auch in den einzelnen Geschäften auf. Überall rosa Häute, entweder in Form hervor stehender Schwarten lechzender Beobachter oder als glatt gezogene, geölte Rundungen des zu Betrachtenden. Fleischeslust wohin man schaut. Nackte Bäuche, Schenkel, Ärsche, bereit zur allgemeinen Beäugung. Die Verlockung wartet an jeder Ecke und wackelt mit allem was sie hat, viel versprechend glitzert sie und strahlt, des Blenders Blenden brennt blendend weiße Westen in meine Netzhaut. Der Sand in meinen Augen. Dicke Bäuche drängeln sich an den Kassen um ein Stück perfektes Fleisch zu ergattern, es zu verschlingen und sich einzuverleiben. Noch dicker werden.
Wie schafft ihr es, ihr Stätig-Kauf-Erfreuten, unter solch einem Beschuss nicht in die Knie zu gehen? Fast bin ich beeindruckt. Sie platzen aus ihren Nähten vor Überfluss, noch keine Sättigung in Sicht. Der Schweiß tropft von ihren Stirnen auf den marmornen Boden und feuchter Atem drängt nach oben, entlang majestätischer Säulen setzt er sich fest an goldenen Kronleuchtern, die bedrohlich hin und her schwanken. Habt ihr denn Gott vom Himmel geholt, ihm hier ein Schlafgemach - des Tempels Tölpel. Doch hier trifft man ihn nur in verdichteter Form, in seinen extremsten Ausmaßen. Draußen an der Luft ist es nicht anders, nein viel subtiler, was es allgemein noch verhängnisvoller macht. Mein Unterbewusstsein wird jeden Augenblick geschwängert vom leisen Flüstern der schallenden kaufhallenden Reklamestimme, vom bunten Flimmern der Großbildschirme, vom quirligen Lächeln der Werbemädchen. Dann trage ich meinen dicken, bebenden Bauch in das Konglomerat um mich gebührend zu entleeren. Doch eh ich mich dem erleichterten Gefühl einer gerade fertig gebährenden Mutter hingeben kann, wird mir das Meinige entrissen und ein neues quirliges Werbemädchen schwängert mich mit mehr Glitzer und neuen Säften. Und leise geh'n die Trompetenpauken.

Ich übergebe mich in einen der Mülleimer, ein Herr fragt, ob ich Hilfe bräuchte, ich fange an zu lachen.

Jetzt bin ich das Schwein,

und schaue in dies' Eimerlein,

hier sehe ich was nöcher bleibt,

Ein kleiner Hauf' Wahrhaftigkeit.

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