Die Mutter

Er steht am Fenster. Lässt seine Hand sanft über den leinenen Vorhang gleiten. Von oben nach unten, ganz leicht ansetzend und im Absetzen den Stoff ein Stück mit sich nach hinten ziehend. Die andere Hand gestützt auf die Fensterbank, trockene Heizungswärme nach oben steigen fühlend. Er legt die Stirn an das Glas, spürt die frische Kälte das aufblühende Glühen der Wangen abwehren. Die Nase leicht gedrückt.
Seine Augen blicken hinaus, fangen manch fallendes Lindenblatt ein und folgen ihm bis auf den Boden, der es aufnimmt, es unter vielen Vorigen verschwinden lässt. Dann wieder zurück in die Ausgangsstellung. Gerichtet auf die feine Linie, fern dort drüben, die zwischen Oben und Unten, zwischen Wolken und Asphalt.
Und er weint. Und Tränen fallen ihm auf die Knie. Die Finger krallen in Teppichstoff, die Schultern nach oben verspannt, das Kinn auf der Brust um freizügig Nacken zu zeigen. Die leicht zuckende Auf- und Abbewegung des Oberkörpers, vom Takt des Schluchzen begleitet, verzog er das Gesicht zu einer bitteren Grimasse, verkniffene Augen, Stirn in Falten, Zähne fletschen..Dann lässt er los, lässt sich auf den Teppich fallen, man hört ein leises Schluchzen. Er zieht die linke Hand zu sich und betastet seinen hohlen Bauch und als spürt er, dass etwas nicht stimmt, hebt er sein Hemd nach oben und stößt einen kaum zu hörenden Schrei aus – auf den sich abzeichnenden Rippen war dünne, fleckige Haut gespannt, seine Finger gleiten hinab bis zum Hosenbund, wieder und wieder, doch er fühlt ihn nicht, wie er ihn auch nicht sehen kann. Die kreisrunde Narbe, welche ihn den Tag seiner Geburt erinnern sollte, ist fort.
Er liegt auf dem Bett. Die Arme leicht von sich gestreckt, die Hände nach oben hin geöffnet, gleiten sie von Zeit zu Zeit vorsichtig über die weiche Decke. Die nackten Füße nach außen gedreht. Ein seltenes Heben des Brustkorbs, immer seltener. Der Mund ist geschlossen wie auch die Augen, doch jene Früchte bewegen sich haltlos unter dem Lid. Scheinen etwas zu erblicken, dass sie abwehren wollen. Die feinen Augenbrauen verbinden sich unter einer tiefen Stirnfalte und werfen dunkle Schatten. Manchmal zuckt ein Mundwinkel. Dann wieder Ruhe.
Ein tiefer Atemzug, als er erwacht, der Kopf flieht nach oben, leicht getrieben von den ablassenden Träumen. Er legt den Kopf zurück und die schwarzen Augen starren an die Decke.
Nacht. Am Schreibtisch sitzend, die Ellenbogen auf das dunkle Holz gedrückt, eine Hand umfasst die Stirn, eine andere den Bleistift, der wohlwollend als Vehikel seines Inneren wirkt und die losen Fetzen in klaren Formen nach Außen trägt. Die Beine, fest auf dem Boden stehend, geben sie die notwendige Sicherheit vor, die die man braucht um das zu schreiben, die die man braucht, um nicht unter der Decke des Schweigens den rufenden Träumen zu erliegen.
Eben noch setzte er den letzten Punkt und legte dann den Stift von sich weg. Eben noch grub sein Blick sich durch den Stoß Papier, durch das Holz, ja sogar durch den Fußboden, um nicht sehen zu müssen. Nur aus sich heraus, sollte es sein. Dann kann er sich im Nachhinein keine Vorwürfe machen. Er musste sich zwingen ihn gleich zu verschließen, um den Drang, das Gesagte noch einmal zu lesen oder gar zu ändern, im Keim zu ersticken.
Da war er, der schreckliche Unhold. Erst war er ihm ausgewichen, ist von einer Ecke zur anderen Umwege gegangen, hatte dann ein weißes Tuch darüber gelegt, dass nun, vom leichten Windstoß durch das angelehnte Fenster, nach unten gerutscht war.
Es war zu spät, denn bevor er es merkte, folgte ihm der Schatten, im Vorbeigehen, und er hält inne.
Die aufgerissenen roten Augen durchfuhren ihn, spitze Wucherzähne fletschen ihm ihr grässlichstes Lächeln entgegen. Angespannte blaue Adern schienen sich pochend ihre Wege zu bahnen, vom Kopf über den Hals, auf der dünnen Folie von weißer Haut. Kein Haar zu erkennen.
- Wo bist du nur, Mensch? -
Die letzte Mahlzeit hatte er vor fünf Tagen zu sich genommen. Er blicke sich um, und als wäre es das erste Mal, sah er den unheimlichen Dreck, der sich hier, in endlosem Sinnen der letzten Tage, angesammelt hatte. Er musste eine Entscheidung treffen, er wollte es ja beenden, nur hinderten sie ihn daran. Er legte sich das weiße Tuch über den Kopf und den Körper, so dass er nicht sehen musste, dann nahm er seinen Stuhl, riss ihn in die Höhe und schlug mit voller Kraft gegen das Bild mit den roten Augen. Schon fühlte er es aus den eigenen Augen warm und angenehm hervorquellen, auf den Boden tropfen, den hellen Teppich, der einmal weiß gewesen ist, mit dunkler Flüssigkeit beflecken.
Zwei Tage nach dem Tod des Eingeschlossenen, klopfte Mascha leicht an das Fenster, wollte ihn nicht wecken, falls er schlafe. Als sich jedoch nichts in dem dunklen Zimmer bewegte, ging sie vor das zweite Fenster und konnte durch einen kleinen Spalt zwischen den Vorhängen hindurch sehen und was sie erblickte, ließ sie ein schmerzendes Stöhnen von sich geben. Ein Bein mit einem nackten Fuß lag bewegungslos auf dem Teppich und je länger sie dort stand und hoffte, es würde sich bewegen, desto mehr sah sie es tatsächlich zucken. Doch sie irrte sich. Es gab kein Zucken mehr. Sie lief davon, nicht einmal zu weinen im Stande und man sah sie nicht mehr wieder. Allein die Polizei zu rufen, war ihr noch möglich, konnte sie doch nicht zulassen, dass der Ihrige nach einigen Tagen zu riechen beginnt und sich dunkle Totenflecken auf dem Bauch und an den Knien ausbreiten.
Verwahrlost war der Anblick, der sich den Polizisten bot. Der Mann, den es noch zu identifizieren galt, war abgemagert, dreckig, ohne Hemd, konnte man jede Rippe zählen. Die Arme lagen weit vom Körper gestreckt, als ob er den Boden umarmen wollte, der Mund leicht geöffnet, gab Sicht auf die starr liegende Zunge. Seine Augen waren geschlossen.
Es roch nach Staub und abgestandener Luft, kein Zeichen von Verwesung und trotzdem war einem unwohl in diesem Raum, sogar den Erfahrenen. Die Tapete löste sich an einigen Stellen von den Wänden, an der Decke waren tiefe Schimmelstellen zu sehen. Neben dem zerborstenen Spiegel an der linken Wand stand ein Eimer mit Exkrementen, abgedeckt von einem großen Teller. Unzählige Bücher und Zeichnungen stapelten sich auf dem Schreibtisch, übereinander, durcheinander. Neben dem Schreibtisch gab es außer dem Bett, einem Stuhl und einem Bücherregal keine weiteren Möbel in dem kleinen Zimmer. Viele Kleider lagen verstreut auf dem Boden und in den Ecken, nicht zu erkennen, ob frisch oder getragen. Ein Paar Schuhe hing an den Schnürsenkeln zusammen gebunden an der Deckenlampe.
Er starb an einem frischen Junitag an Unterernährung, hieß es in dem abschließenden Bericht und in den Zeitungen. Doch die Wahrheit ist, dass es der Kummer war, der ihn heimsuchte (dahinraffte).

Sie erinnerte sich an den Tag, an dem sie beide am Küchentisch saßen, der kalte Kaffee vergessen von angespannten Händen umfasst. Er biss sich auf die Nägel, eine Weile, dann sah er sie an. Nachdem der Vertreter vom Bestattungshaus mit ihnen über die Kosten der Beerdigung geredet hatte, gab es nicht mehr viel zu sagen. Die Sorge, ihren eigenen Vater nicht begraben zu können, ließ sie sprachlos, jeder für sich, in finsteren Gedanken zurück.
- Gib mir deine Hand. - Ihre Finger griffen ineinander, drückten sich schmerzhaft und trennten sich dann wieder um einer Umarmung zu weichen, die nicht enden wollte, nicht enden durfte. Alle Tränen nach außen waren getrocknet, nur das Fehlen der Worte blieb.
Sie erinnerte sich, dass er mehrmals dazu ansetzte etwas zu sagen, es dann aber doch nicht tat, vielleicht, weil er nicht wusste wie, vielleicht, weil es einfach nichts zu sagen gab.
Sie war es, die aufstand, seine Hand fest gedrückt, zog sie ihn mit sich, die Treppen hinauf, zu ihrem alten Kinderzimmer und er ließ es geschehen, blieb ganz still, als er sich neben sie legte, sie ganz fest in seine Arme schloss und ihren trockenen Atem an seinem Hals spürte. Die Tür blieb einen Spalt geöffnet, sie mussten nicht befürchten, dass jemand kommt.
Als er sie küsste war es ganz still, nur der Wind schlich leise zeternd um die Häuserfassade um seinen Unmut zu bezeugen. Nur er gab Widerstand. Langsam ging die Sonne unter, als wollte sie nicht sehen, als könnte sie verstehen, aber wollte es nicht sehen. Das Haus war leer. Niemand in der Küche, niemand im Badezimmer, im Wohnzimmer, auf dem Dachboden. Nur zwei umschlungene Körper auf dem kleinen Kinderbett, die Decke von sich abgeworfen, da keine Scham, nur Verzweiflung zwischen ihnen stand und sie mehr als alles zuvor miteinander verband.
Sie liebte ihn. Schon immer. Immer schon war er für sie ein schöner Mann, mit einem weichen Gesicht, schlanken Armen und den feinen Schriftsteller-Händen. Oft hatte sie diese geküsst, aus Stolz, aus Freude, noch nie aus Begierde. Und sie liebten sich und weinten dabei, und liebten nur noch mehr die nassen, glühenden Wangen des Anderen.

Geliebte Mutter,
ich schreibe dir, weil ich des Sprechens nicht mehr würdig bin. Ich schreibe dir aus Ehrfurcht, aus Demut und Überdruss an meinen mich verzehrenden Gedanken. Ich war ein Tier, ein Monster und Unhold, habe deine Tochter getötet, deinen Sohn dazu. Wäre ich nicht so ängstlich vor dem Tod, ich schwöre dir, ich hätte schon längst einen Strick genommen und mich aufgehängt. Doch nur meine Schuhe traute ich aufzuhängen. Erinnerst du dich an den Film, in dem das Paar Schuhe des Reisenden an einem Baum aufgehängt wurden, damit er nicht mehr weiter ziehen konnte? So habe ich es auch gemacht. Ich hätte mich auch einschließen und den Schlüssel wegwerfen können, doch war mir das nicht Strafe genug.
Jeden Tag stehe ich mehrere Stunden an meinem Fenster und warte auf dich, dass du kommst, da du sagtest, du wirst kommen. Deinen Blick werde ich nie vergessen, wusste ich doch damals schon, dass du mich nie besuchen wirst. Und doch stehe ich jeden Tag an meinem Fenster um dich vielleicht doch noch von weitem heran laufen zu sehen.
Hättest du mich geliebt, wäre ich nicht dein Sohn gewesen? Hättest du mich aufgenommen, mich unter deinem breiten Rock versteckt, wenn Vater kam? Hättest du sie, unsere schöne Mascha, in deinen Arm genommen, wenn sie nicht schon längst von Vater umkümmert worden wäre? Du hättest sie wegtun sollen, die Flaschen. Ganz heimlich, Flasche für Flasche, wäre es kaum aufgefallen. Du hättest noch mehr tun können, doch soll dies hier kein Brief des Vorwurfs, sondern des Abschieds sein, und am Tag des Abschieds erinnert man sich an die schönen Zeiten, oder, denkst du nicht auch?
Ich weiß noch, als wir alle gemeinsam ans Meer fahren wollten. Ich hatte meine Angel einpackt und wollte uns den größten Fisch fangen, Mascha wollte eine Suppe aus Algen und Muscheln kochen. Dann sind wir nicht gefahren.
Grüße sie von mir, unsere Geliebte, nicht als Bruder oder Freund, nur als Fremder, denn mehr vermag ich ihr und auch dir nicht zu sein. Ich habe den Spiegel abgehängt, er ist böse, zeigt mir verstörte Schattenbilder. Ich habe aufgehört zu essen, will nur noch von Literatur leben, kennst du die schönen Reime Rilkes Panther? Du solltest sie kennen, jeder sollte das. - Und hört im Herzen auf zu sein, hörst du, ich spüre es jeden Augenblick, spüre mein Inneres vergehen. 40 Tage fasten, so sagt man, 40 Tage und 40 Nächte. Und dann erfolgt die Reinigung. Ob auch ich es schaffe? Bleibt mir denn etwas anderes? So kann ich es doch versuchen, werde dir und Vater zeigen, dass ich doch etwas tun kann und wenn es nur das Verzichten ist. Meine Liebe zu dir ist ohne Grenzen und du weißt es wird für immer währen. Für immer bis in den Tod. Ich habe Angst vor dem Tod, so sehr, dass ich es nicht aushalte, nach meinen Schuhen greifen will um zu dir zu laufen, dich zu greifen, dich zu schütteln, zu drücken, so sehr, dass es dir schwer wird ums Herz, dass du kaum noch atmen kannst. Und eines Tages, das wünsche ich dir, sollst du die Wahrheit sehen. Denn ich vermochte das nicht. Sollst den Fehler der Menschheit erkennen. Und eins noch wünsche ich dir, die du uns immer eine nüchterne, schweigsame Mutter warst, ich wünsche dir, dass du dein halbes Herz ablegst, denn das ist wahrlich die schlimmste Sünde unter allen.
Ich warte auf meinen Gott, an den ich glaube, da du es mich lehrtest. Ich warte, denn ich weiß, er ist gut und nimmt mich auf, ungeachtet meiner Taten, der Tat, die ich nie verstehen werde, da Liebe ihr Ausgang war und Schuld und Tod ihr Ende ist. Nie wieder werde ich lieben, allzumenschlich, ist sie das gefahrvolle Niedersinken vor jeglicher Moral, die dir doch so über allem stand und auch mir.
Ich schreibe gerade ein Gedicht für dich, ich hoffe nur, ich schaffe es noch. Es soll - Die Mutter – heißen und ich weiß, du wirst es nicht verstehen. Ich sende es dir, sobald ich die Fastenzeit bestanden habe. Du wirst stolz auf mich sein, das hoffe ich.

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